Süddeutsche Zeitung vom 30. Dezember 2003
Wer maht denn mein Wieserl?
Die Wellküren singen auf der CD “Das Mensch” scharfe bayerische Traditionals
Mit “Vorm Annamirl seim Fenster” und dem frechen “Bim Bam & Mäh-Jodler” sind die drei Wellküren 1986 auf den deutschsprachigen Kleinkunstbühnen sofort aufgefallen: bayerische Volksmusik-Traditionals, in welchen Sexualität in Landwirtschaftsmetaphorik so anzüglich verpackt wird, dass sie haarscharf an der Zote vorbei schrammen. Zum Rhythmus letzteren Liedes, im berühmten Liederbuch “Klampfn Toni” schriftlich überliefert, wurde das Gras gemäht, sinnlich, gefühlvoll, im gleichen Takt: “Wo is denn da Moohda, der mei Wieserl maht? Er maht hin, er maht her, und schee langsam schee stad”.
Auf ihrer neuen CD “Das Mensch” mischen die Wellküren das Thema Frauensexualität mit Liedgut aus den vergangenen 300 Jahren neu auf, da darf eben jene Anleitung zum “Dangl wetzn” nicht ausgespart werden. Moni, Vroni und Burgi Well folgen mit ihren Aufnahmen dem volkskundlichen Ansatz der CD “Räuber & Gendarm” der Biermösl Blosn - den Brüdern der drei Well-Schwestem. Doch war es von vornherein schwieriger, Quellenmaterial zu finden, da musikalische erotische Ergüsse überwiegend den Männern vorbehalten waren. Es passte nicht zur traditionellen Frauenrolle, obszöne Gstanzl herauszuschreien, ebenso wenig wie das dazu gehörende Milieu der bierdampfigen Wirtshäuser. So blieben den Frauen wohlklingende Kinder-, Kirchen- und Küchenlieder vorbehalten - “nur die Männer durften die Sau rauslassen”, sagt Christoph Well von der Biermösl Blosn, der bei der Auswahl behilflich war, Melodien bearbeitet, instrumentiert, neu komponiert und überhaupt die ganze CD produziert hat.
Ganz nah wirkt das Ergebnis, als ob die halbe Well-Familie, die hier mitgemischt hat, neben dem Hörer unplugged singen und musizieren würde; “Stofferl” hat mit seinem antiquierten Acht-Spur-Gerät wieder den richtigen Ton getroffen. Alle Aufnahmen kommen so simpel und trocken daher, und doch spürt man den liebevollen, bis in Bruchteile von Sekunden ausgetüftelten Spannungsbogen, der von der Achtung gegenüber dem Fundus zeugt. Die Töne zwischen den Liedern und Pausen treten in eine vielsagende Beziehung. Landler und Walzer sind schwungvolle Einladungen zum Tanz.
Eingeführt in das Reich der Schamlosigkeit werden die Hörer mit dem “Joseph-Jodler”, dem aus der Frauenperspektive interpretierten “Susei-Jodler”, und rüde hinausgeworfen aus dem Hörgenuss mit dem Götz-Zitat. Das gilt “drei sakrischen Jagersbuam”, weil ihnen Pulver, Blei und Standfestigkeit des “Hahndls” fehlen. Das Thema Nötigung und Gewalt gegen Männer, klingt in “D’ Millibäurin” an: “Des müass ma am Pfarrer sagn, eienjuche, dass uns ham d’Weiber gschlagn, dumdidldeide. Da Pfarrer sagt: Is scho recht, eienjuche, mei Köchin schlagt a net schlecht’, dumdidldeide.“ Auffällig ist, dass die” Gstanzl “ von Frauen gesungen viel obszöner, direkter, “gscherter” wirken, auch wenn die Texte gar nicht oder nur unwesentlich verändert sind. Sie reiben und kratzen an der Aura des Mannes als Person. Dementsprechend aufmüpfig kontrastieren die Frauenstimmen mit den Blechbläsern. Musik und Text ergänzen sich auch in “Er und sie” wunderbar komisch. Der strenge Dreivierteltakt spiegelt rhythmisch den Rahmen wider, in dem das Ehepaar neben- und gegeneinander lebt, und doch bricht keiner aus. Was bei Grenzüberschreitungen in einem geschlossenem Weltbild passieren kann, wird bereits in “Die Bernauerin” und “Kindsmörderin” plastisch. Der Dialog “Grüaß Gott? - Sagt er./ Bist scho da?! - Sagt sie./ Geh her? - Sagt er./ Was wuist? - Sagt sie./ An Schmatz! - Sagt er./ Oida Depp! - Sagt sie. Aha! - Sagt er./ Mhm! - Sagt sie.“ ist ein Lehrbuch-Beispiel für bairische Lakonik. Der Rektor, Musikant und Liedsammler Vater Herrmann Well hat es beim Haberbauern in Hanshofen aufgeschrieben. Seine Frau Traudl bewahrte ähnlich wie er alte Bauernmöbel und Trachten. Beide haben den Lebensstil und Geschmack ihrer 15 Kinder, die Freude am überlieferten authentischen Volksgut nachhaltig geprägt.
So unterstreichen Bilder von prächtigen Dirndlstoffen die Texte im Booklet. Die Originale stammen aus Claudia Wells Kleiderschrank, wie ihr Mann Christoph verrät, der Schwager Hans-Peter Hösl hat sie fotografiert und für die grafische Gestaltung passend in Szene gesetzt. Aber auch die moralische, traditionelle Erziehung wirkte lange nach. Während bei den Söhnen Künstlerkarrieren stärker gefördert wurden und Ausbruchsversuche weniger sanktioniert, ist es eine bedeutsame Leistung von Moni, Vroni und Burgi, dass sie selbst aus der überkommenen Frauenrolle herausgetreten sind, nachdem die meisten ihrer Kinder erwachsen waren. Sie wissen, von was sie singen. Das merkt man den Liedern an, die schauspielerisch auf Text, nicht volkstümlich-fade auf Laute und Klang gesungen sind. Selbstbewusst und ungeniert lassen sie deshalb den Bruder ein wenig Regie führen.
(Wellküren: “Das Mensch. Traditionals”. Mood-Records 6752. Heidelberg 2003.)
EVA MARIA FISCHER
