Allgäuer Zeitung vom 4. Oktober 2007
Wenn Morricones Lied hinter der Hopfenstange erklingt
Sonthofen – Auf blutrotem Grund, gesetzt aus dick-schwarzen Marlboro-Lettern, erging von der Bühne der Sonthofer Markthalle die Botschaft ans Publikum: „Aufruf zur Phantasie“. Künderinnen dieser frohen Botschaft – passend zum Spruchband an der Hallenwand: 100 Jahre SPD Sonthofen – waren die drei kabarettistischen Feuerwerkerinnen aus Oberschweinbach bei Augsburg, die „Wellküren“.
Rappelvoll ist die Bude schon lang vor Beginn. Und eine Welle von Sympathie für die frechen Madln aus der kinder- und kleinkunstreichen Well-Familie rollt spürbar auf die Bühne und wieder zurück, als die Moni, der Treibauf der Truppe, ihre spitzzüngige Begrüßungsrakete zündet: „Schee dekoriert habt’s ihr, ned z’vui und ned z’weni“, so kommentiert sie gleich die kahlen Wände der Markthalle mit dem schüchternen SPD-Plakat.
Aber auch die Burgi und die Bärbel spielen ihren stilleren Part hintersinnig glänzend. An Hackbrett und Harfe, Saxofon und Gitarre, Tuba und Posaune, Ziehharmonika und Nonnentrompete (mit Schalltrichter und Saiten ein dreifach zelebriertes Lieblingsinstrument) geht die musikalische Post ab. „Stubnmusi“ in Reinkultur klingt auf, übrigens von den Wellküren warm empfohlen als natürliche Empfängnisverhütung bei Stromausfall und Kerzenschein …
Natürlich richten sich die Wort- und Liedraketen dieses Kabarett-Feuerwerks auch gegen große und kleinere Politiker: Angela Merkels dritter Jackenknopf gerät absprungbereit ins Visier, auf Dschorsch Dabljuh reimt sich leeres Stroh. Und der Ehrenvorsitzende des Oberschweinbacher Gartenbauvereins namens Edmund spricht Wichtiges aus dem Off in bekannter Realsatire zu Garten- und Gattenfragen, bevor der schlimm schleichende „Morbus Franconia Pauli“ seine Macht-Triebe kappt.
Herrlich gruselig schließlich der Showdown in der Holledau, wo der Erwin lauert hinter der Hopfenstang’. „Kimm raus, Erwin!“ Aber der lässt Ennio Morricones Cowboymusik sprechen: „Spiel mir das Lied vom Tod“, rau gesägt auf der Nonnengeige. – Nach 21 Jahren Bühnenpräsenz agieren die „Wellküren“ immer noch so frisch und dynamisch wie eh und je - der „Aufruf zur Phantasie“ an sie selbst hält sie jung.
RAINER SCHMID
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