Pressestimmen

Mainzer Rhein-Zeitung vom 1. Februar 2000

Waffen der „Bayererinnen“

Frauen haben keinen Humor?  Frauen schaffen es nicht, einen Saal zum Toben zu bringen? Aus Bayern kommen nur gestandene Mannsbilder? Alles falsch. Die drei „Wellküren“ mischten mit Gesang und einer deftigen Portion Respektlosigkeit das vollbesetzte Unterhaus auf.

Von Stefanie Mittenzwei

MAINZ. In der ersten Halbzeit trägt nur Burgi ein Dirndl, nach der Pause haben sich auch Vroni und Moni um- und ein Traditionskleid mit Blüschen und Schürze angezogen. Die geräumigen Röcke sind aber viel kürzer, als es die Tradition erlaubt. Sie kommen aus Oberschweinbach, erzählen die drei „Wellküren“. Da fragt man sich gleich: Kann’s einen Ort mit so einem Namen überhaupt geben? Aber in Bayern weiß man ja nie. Trotzdem scheint es dort ganz modern zuzugehen: Burgi ist Frauenbeauftragte der 800-Seelen-Gemeinde und hat schon drei Frauenparkplätze vor der Kirche erstritten. Kein Zweifel besteht daran, dass Burgi, Vroni und Moni echt so heißen und auch wirklich Schwestern sind, obwohl sie sich nicht besonders ähnlich sehen, aber sie verhalten sich so.

Aus der 17-köpfigen „Volksmusikantenfamilie Well“ stammen sie, das ist verbürgt. Ihre Brüder, die „Biermösl Blosn“ sind berühmt, auch im Unterhaus, wo sie vor Jahren den Deutschen Kleinkunstpreis erhielten. Dass die drei Schwestern erst jetzt, 16 Jahre nach ihrer Bühnen-Selbstständigkeit, in den Mainzer Kabarett-Tempel eingeladen wurden, das kann man kaum glauben. Das Publikum wusste jedenfalls Bescheid: Es kam zu dem einmaligen Auftritt in Scharen. Das große Unterhaus war proppevoll.

Die Leute wollten eine Mordsgaudi haben - und ihnen wurde eine Mordgaudi geboten. Jede Menge Instrumente von Harfe über Tuba bis Hackbrett. Einige alpenländische Instrumentalweisen. Tanzbodenmusik. Sie können alles, auch Jodeln oder mal Hochdeutsches singen - für den nächsten Grand Prix. Meistens singen die „Wellküren“ aber Bayerisch. Anfangs passten sie ein bissel auf, dass die Mainzer alles verstanden, dann mussten die Mainzer aufpassen, um alles zu verstehen. Aber es ging gut. Und die Texte sind es wert, verstanden zu werden, so frech und lustig sind sie.

Es ging hoch her im Kellergewölbe, als Moni gegen die Schönheitschirurgie zu Felde zog und sang: „Ich lass’ Silikon nicht ran an meine Brust/ wegen dem Sepp seiner unanständigen Lust“, oder als sich Vroni als Begründerin des Vereins der „Josefverehrerinnen“ vorstellte. Josef sei ein guter Mann gewesen, weil er alles geglaubt habe, was man ihm sagte. Natürlich schöpfen die drei aus dem prallen Frauenleben, und daran hatten sogar die Männer ihren Spaß. Selbstironisch boten die „Wellküren“ Einblicke in die Mutter-Kind-Gruppe oder zeichneten in einem feministischen Song nach, wie es ist, wenn die „Förstererin“ auf die „Wildererin“ trifft - da kann selbst die „Gottin“ nicht mehr helfen.

Die Männer scheinen sowieso verloren, wenn diese drei „Bayererinnen“ mit allen musikalischen und rhetorischen Waffen kämpfen. Da bekommt der Stoiber (und seine Wähler) sein Fett ab, selbst Mainzer CDU-Politiker müssen dran glauben. Und der normale nervige Gatte endet mit Majoran gewürzt im Backofen als Braten. „Wellness“ nennt das fröhliche Trio sein aktuelles Programrn, und gut fühlten sich nach zwei Stunden bester musikalisch-kabarettistischer Unterhaltung alle. Ganz am Ende dankten Vroni, Moni und Burgi ihren Männern dann, „dass sie uns so herumreisen lassen“. Jetzt hat Oberschweinbach sie wieder.

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Zitat

Zum einen bedeutet “Wellness” natürlich so etwas wie körperliches Wohlbefinden, das durch kostspielige Sport- und Ernährungsprogramme in modischer Kleidung erreicht werden soll. Andererseits aber ist “Wellness” ein bayerisches Wort und bezeichnet den glücklichen Zustand, der sich beim Genuß des Kunstschaffens von Mitgliedern der Familie Well einstellt - ein fortgeschrittenes und aufgeklärtes Bayerntum, dessen unverrückbare Koordinaten dennoch Misthaufen, Wirtshaus und Kirchturm sind. Die Wellküren sind das derzeit vermutlich einzige Hardcore-Stubnmusi-Terzett, dessen Verweigerung von Präzision einem Punkaufstand im Dirndl gleichkommt.

(Abendzeitung München v. 24.9.1998)

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