Pressestimmen

Fürstenfeldbrucker SZ vom 20./21. Dezember 2003

Scharf wie eine gedengelte Sense

Die neue CD “Das Mensch” mit den “Wellküren” und Stofferl Well

Fürstenfeldbruck • Was erwartet man von den Wellküren? Sei’s, es sei eine neue CD? Ländlich frauenenergischen Zickenalarm? Singende Engel und musizierende Gören? Mannsbilder und Frauenklischees? Was auch immer, jedenfalls entspricht der pünktlich zum frohen Feste erschienene Tonträger “Das Mensch” der drei Well-Schwestern nicht unbedingt den Erwartungen. Oder doch? “Das Mensch” überrascht, dessen kann man sich sicher sein. Denn eines ist es schon mal nicht: Aktuell zeitgeschichtliche Satire um Wellness und Diverses. Und dennoch scharf wie eine frisch gedengelte Sense und womöglich noch ein wenig schärfer.

“Das Mensch” ist eine Art Rückblick auf, ja nun, Frauenbilder in Bayern. Das Repertoire besteht ausschließlich aus traditionellen bayerischen Volksliedern von, für und über Frauen; elf altehrwürdige Schmuckstücke aus der musikalischen Museumskiste plus fünf Instrumentalstücke. Im Gespann des feinen Dreigesangs von Vroni, Burgi und Moni stülpt sich die Schamröte übers Gesicht des Lauschenden. Tradition hin und Tradition her - die bajuwarischen Vorfahren waren nicht von schlechten Eltern oder anders: in vielen Lieder dominiert eine erotische Sehnsucht, die gerade in der heutigen Zeit durch die verblümt unverblümte Sprache erstaunt. “Ja, de Birn is so süaß g’wen und de Birn war so gschmach. Wia gibt’s des, dass’ so sauer und so bitter wird danach?” oder aber auch: “Mei Bua hat a Ding, vui z’kloa und vui z’gring, macht ma nia net a Freid, weil’s hint und vom feiht.

Doch “Das Mensch” zeigt auch andere Seiten der Geschichte des Frau-seins. So wird’s einem wahrlich etwas düster ums Herz, wenn zu Harfe, Trompete und Marschtrommel von der zum Tode verurteilten Kindsmörderin gesungen wird: “Oh ihr Herrn, habt nicht so stolzen Mut, und wascht euch nicht an meinem Blut!” Der Begriff “das Mensch” kann von Luder bis Jungfrau alles bedeuten, und nicht umsonst zeigt die Auswahl der Lieder ein breites Spektrum des Frauenbildes der damaligen (und wahrscheinlich noch heutigen) Zeit. In der Darstellung (hier drei Jahrhunderte umfassend) mag die Frau als “das Ding” dominieren, doch nicht nur in Liedern wie “Er und Sie” wird deutlich, dass die menschlichen “Dinger” mehr als nur die Hosen anhaben, wenn sie nur wollen.

Die musikalische Bearbeitung der Lieder ist Werk des Biermösl-Treibaufs Christoph Well. Machen wir’s kurz und knapp: grandios. Oder etwas ausführlicher: Track 1 - “Joseph-Jodler” für Dreigesang und Schlagzeug - 36 Sekunden wahnschöner Irrsinn, mit ein paar Schlägen und Gesang. An anderer Stelle der CD, da zupft und schlägt und bläst und was weiß noch alles die halbe Well-Familie, dann geht’s rund, kreisrund mit Ausschlag. Oder es bringen Harfe und Geigen das Gemüt zum erzittern. Schicksalhafte Melancholie und lustvoller Frohsinn, authentisch und eins weiter, traditionell, doch niemals anbiedernd. Ach ja, die Erwartungen: übertroffen. (Die Wellküren: Das Mensch.
MOOD 6752) MARTIN LUTZ

Nächste Pressestimme: Wer maht denn mein Wieserl?
Vorige Pressestimme: Die Kampfansage an den Musikantenstadel

Artikelübersicht

Zitat

Immer im Kontakt mit dem Publikum und auf dessen Äußerungen eingehend, hat man nie den Eindruck, daß die Wellküren nur ein Programm herunterspulen, sondern daß viel Witz aus spontanen Gegebenheiten mitentsteht. Kabarett richtig gut!

(Allgäuer Zeitung v. 5.10.1995)

Alle Pressezitate