Pressestimmen

Augsburger Allgemeine vom 12. November 2011

Patronae Bavariae

Die Wellküren, Schwestern der Biermösl Blosn, stehen seit 25 Jahren für gutes Kabarett und Hausmusik. Im Gegensatz zu ihren noch berühmteren Brüdern denken sie nicht ans Aufhören. Sie planen sogar einen “Staatsstreich”

Oberschweinbach liegt gleich hinter Unterschweinbach – irgendwo in den unübersichtlichen nebligen Weiten des Landkreises Fürstenfeldbruck. Hier kann man sich als Autofahrer problemlos verfahren. Die Well-Schwestern Burgi, Bärbi und Moni nehmen die Verspätung nicht krumm. Die bayerische Damen-Kombo, die für eine Synthese aus Hausmusik und Kabarett steht, probt gerade. In Monis gemütlicher Küche erzählen sie von ihren Vorfahren, ihren Anfängen und über ihre Pläne. Aus dem Interview zu ihrem 25-jährigen Bühnenjubiläum entwickeln sich kabaretthafte Dialoge. Man duzt sich und spricht Dialekt. Im Folgenden die Übersetzung.

Burgi: Wir sind eine Großfamilie mit 15 Kindern. Unser Vater war Lehrer und Mundartdichter. Wir spielten von Kindesbeinen an Volksmusik.
Moni: Die Auftritte mit der Familie wurden allerdings im Laufe der Zeit weniger. Unsere Kinder wurden größer. Außerdem bewunderten wir die Brüder. Und irgendwann war die Zeit reif für uns.
Burgi: Stimmt, das lag einfach in der Luft. Volksmusik war damals noch ziemlich vertümelt mit biederen Texten übers Fensterln und das schöne Bayernland.
Moni: Und wir glaubten einfach, etwas mehr sagen zu müssen. Wir hatten richtiggehend ein Anliegen.
Burgi: Die Gage war uns egal, es ging einfach nur um einen guten Abend für uns und unser Publikum. Die Branche war noch geerdet.

Machen die Auftritte auch nach 25 Jahren noch Freude?

Moni: Der Dreigesang, die Musik, die Texte – alles macht immer noch großen Spaß. Außerdem entwickelt man ein gewisses Suchtverhalten. Und es gibt immer noch aktuelle Themen, die uns am Herzen liegen, wie das neue Berliner Steuerreförmchen, bei dem für jeden Bürger drei Euro fünfzig mehr übrig bleiben.
Bärbi: Wir wissen mittlerweile allerdings auch, dass wir die Welt nicht verändern können.

Immerhin wollt ihr in eurem neuen Programm Bayern retten ...

Burgi: Das stimmt schon.
Moni: Ich werde die Ministerpräsidentin und unser Kabinett besteht nur aus drei Ministerinnen… Moni: ...der einzig wahren Schwesternpartei.
Bärbi: Der Seehofer und der Ude, die müssen sich warm anziehen.

Was sind eure politischen Schwerpunkte?

Bärbi: Das Generalthema lautet: Bayern darf nicht aussterben.
Moni: Manche Gegenden Nordfrankens und der Oberpfalz haben schon fast aufgehört zu existieren.
Burgi: Wunsiedel ist schon tot.
Bärbi: Darum werde ich Familienministerin. Erst in Bayern und dann werfe ich die Kristina Schröder in Berlin raus. Das versucht die Frau von der Leyen auch.
Moni: Bayern, was sag ich: Deutschland braucht eine viel höhere Geburtenrate. In Oberschweinbach liegt sie dank uns bei 15,0 – im Rest der Republik bei 1,36.

Wie wollt ihr das durchbringen?

Bärbi: Ich verfüge, dass alle Single-Haushalte abgeschafft und Zwangswohngemeinschaften gegründet werden.
Burgi: Unser wichtigster Punkt ist aber die Einführung des Feiertags Mariä Empfängnis mit Ausgangssperre für alle unter 40-Jährigen.
Moni: Ja, gnadenlos und unaufhaltsam werden wir voranziehen. Die Burgi ist übrigens unsere Ministerin für Finanzen und Wirtschaft.

Da hat sie angesichts der desaströsen Lage einiges zu tun. Ist sie genauso vom
Fach wie der Herr Söder?

Bärbi: Ja, der Söder. Der ist ein besonderes Kapitel. Aber die Burgi ist eine absolute Fachfrau. Die führt unser Fahrtenbuch und hat ein Diplom in Betriebswirtschaft.

Wie schauen Ihre Pläne aus?

Burgi: Ich werde alle Banken rigoros verstaatlichen. Kassenzugriff wird nur der Schwesternpartei gestattet. Dann verschaffe ich mir einen Überblick. Die Politiker heute wissen doch selbst nicht mehr, wie viele Schulden sie gemacht haben.

Übrigens: Bei welcher Gelegenheit schnitzt ihr eigentlich all die kabarettistischen Giftpfeile? Unter der Dusche, beim Kochen, im Urlaub?

Moni: Wir sind praktisch immer damit beschäftigt. Auch jetzt. Das ist ein Nachteil des Kabaretts. Man kann nie richtig abschalten.
Burgi: Wichtig ist für uns, dass wir die Themen authentisch rüberbringen. Wir wollen glaubhaft sein.

Glaubhaft waren auch eure Brüder. Die sollen jetzt nach 35 Jahren im Streit auseinandergegangen sein.

Moni: Na ja, die Wells sind keine Familie, in der es nie Streit gibt, im Gegenteil. Aber die Berichterstattung über die Trennungsgründe war teilweise doch ziemlich übertrieben.
Bärbi: Ich finde, nach 35 Jahren Biermösl Blosn muss es gestattet sein, dass jeder auch mal seine eigenen Wege geht. Das wird viele spannende neue Geschichten bringen.

Wie war das nun mit dem Streit?

Burgi: Jeder der Brüder hatte andere Vorstellungen von der Zukunft. Eine familiäre Spaltung ist das nicht.

Wolltet ihr nicht auch mal laute Töne anschlagen?

Bärbi: Klar, im neuen Programm mit Stofferl, Michael und Karli wird es unweigerlich laut – nicht nur auf, sondern auch hinter der Bühne.

Interview: Josef Karg

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Zitat

Der Humor entwickelt sich aus dem Zusammenstoßen von Tradition und Aktualität, von Landleben und Weltkultur. Es ist eine aufs Kabarett angewandte Dialektik, die Volksmusik oder die Tradition der bayerischen Volkssänger mit modernem Pop konfrontiert, und provinzielle Dumpfheit ebenso aufspießt wie aufgeblasenen Welt-Zeitgeist. Obwohl die Zahl der Nachahmer inzwischen Legion ist, kann das nach wie vor niemand so gut wie die Familie Well. Und vor den erfahreneren und berühmteren Brüdern brauchen sich die Madln schon lange nicht mehr verstecken. Zumal sie mit Blick auf das, was Frauen bewegt, ihr Thema gefunden haben, wie das neue (inzwischen sechste) Programm “Wellness” belegt.

(Süddeutsche Zeitung v. 27./28. März 1999)

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