Pressestimmen

Nürnberger Nachrichten vom 4./5. Mai 2002

Frauenpower und Stubnmusik

Die Wellküren mit ihrem Programm “Jessas” in der RWH

FEUCHT - Mai 1986: Achtzehn zahlende Gäste waren damals in den Münchner Kleinkunst-Tempel “Muh” gekommen um drei Lehrerstöchter aus dem schwäbischen Oberschweinsbach (Name wurde für die Bühne nicht geändert!) mit Dreigesang und Stubenmusik zu erleben.  Am Abend darauf hatten Moni, Vroni und Burgi Well schon volles Haus.  Wie auch vergangenen Dienstag in der Feuchter Reichswaldhalle, als die Wellküren auf Einladung von Schall & Rauch nach Feucht kamen. So wurde Frauenpower auf “Stubenmusik-Basis” noch nie präsentiert, das erkannten Helmut und Gertrud Schall bereits damals sofort und deshalb trat das musikalisch-virtuose Schwestern-Trio, das gleichzeitig kein Blatt vor den Mund nimmt, schon 1988 zum ersten Mal bei der SPD in Feucht auf.

Mai 2002: “Jessas!“ nennen die drei Wellküren ihre Jubiläumstour, als könnten sie selbst gar nicht glauben, wie die Zeit vergangen und der Ruhm über sie gekommen ist.  Neues und bei treuen Fans schon Bekanntes haben sie nun zu einem spritzigen, zynischen, hinterfotzigen und heiteren Wellness-Cocktail gemixt, mit etlichen Spritzern Weiblichkeit versehen und mal zurückhaltend, mal deftig unterm Volk verteilt.

Wie könnte es anders sein: Moni, die Ausdrucksstärke in Mimik, Gestik und Wort(en), muss salopp und fix ins globale Dorf Oberschweinsbach einführen. Als ehemalige Hara-Vertreterin und jetzige Blue-Wonder-Putzlappen-Verkaufsfee kümmert sie sich verstärkt um den Zustand der häuslichen Inhalte, der Ehen, der vielen Vereine.  Einer davon, der Verein der Josefshelferinnen, wird gar von ihrer damenhaft-dezenten, aber nicht minder subtil-gewieften Schwester Vroni geleitet.  Damit dieser “Lapp” von Mann auch eine Stütze hat.  Und auch Burgi, die mädchenhaft-zynische ist im Dorf aktiv: Als Frauen-beauftragte lässt sie ihre Muckis spielen. Frauenparkplätze vor der Kirche hat sie dem Burschenverein schon abspenstig gemacht.  Wobei das nur ihr Anfang war.

So viele Probleme gibt es im Dorf, dass frau fast nicht mehr dazu kommt, die Welt auf solche zu durchleuchten. Doch sind die Aggressionen in der Mutter-Kind-Gruppe erst einmal draußen, ist die Heimat erst um ein Baywa-Biotop reicher, hat’s den Huber-Sepp nach dem Genuss der Zusatzstoffe in der Packerl-Suppe und dem Schaumverstärker im Bier erst zerrissen und ist sein Marterl aufgebaut (“Bauern sterben, Nestle nicht”), kann frau sich guten Gewissens dem Karl Moik und seiner nächsten Sendung aus Dubai widmen. Denn mit ihm muss frau leben: “Forever!“ Genau wie mit Stoiber!  Ach ja, die Männer!  Natürlich nehmen sie breiten Raum ein im weiblichen Kabarett. Philosophieren über den idealen Mann?  Bitteschön: Vom Bier muss ihm grausen, ein Haus muss er haben, im Bett munter sein, aufgeschlossen für Viagra im Notfall, aber das Schnarchen muss er lassen und gegebenenfalls muss sein “Ranzn” schön wegoperiert werden.

Mit Männern - auch wenn sie so gekonnt auf der Bühne Bauchtanzen wie die beiden Saalkandidaten Thomas und Joachim - und Körperkult ist es jedoch noch nicht getan.  Zur weiblichen Wellness gehört bei den Wellküren noch mehr: zum Beispiel der Einzug der Frauen in die Bundeswehr, die Schumi-Benzol-Adem-Hymne, die gedankliche Verwandlung von Moni in Pamela Anderson und die tatsächliche der Fahnenmutter in eine Domina.  Heiße Themen - Engelmacher, gleichgeschlechtliche Ehen, Papst-Kritik - werden nicht umschifft, sondern deutlich aus- und angesprochen: bitterböse, ironisch, sarkastisch und (äußerlich) mitunter so lieb, mit braven Dirndln fast im Kindergarten-Look und mit dem Lied vom Well’schen Urururur-Opa aus dem katholischen Schottland, der irgendwann vor langer Zeit ein noch katholischeres Gebiet in der neuen Welt fand und dorthin seine “Stubenmusi” mitnahm.

Wobei wir wieder beim allgemeinen Well’schen Thema Nummer eins wären: der Stubenmusik. Ob sie jedoch als Mittel zur Empfängnisverhütung so gut war im Hause Well? 15 Kinder sprechen da ihre eigene Sprache. Auch Wenn nicht jeder der 15 wie die Biermösl-Brüder und die Wellküren-Schwestern gleich auf die Bretter, die die Welt bedeuten, gestiegen sind. Vater Well, dem Lehrer und Chorleiter ist es zu verdanken, dass seine Sprösslinge in der musikalischen Welt ihr Zuhause gefunden haben und auf Bühnen zwischen Wien und Bremen ihre Virtuosität - gepaart mit verbalen Attacken - unter die Leute bringen.  Wenn dann die Instrumente so richtig ins Rotieren kommen, ist’s auf der Bühne fast wie zu Hause, wenn alle da sind: Harfe, Tuba, Posaune, Harmonika, Ukulele, Hackbrett, Djembe, Trumscheit sowie die Wellküren-Spezialität “Nonnentrompete”.  Letztere wird gezupft, denn “früher durften die Nonnen kein Blasinstrument spielen!“

Auch wenn eine Halle, so Moni, das exakte Gegenteil einer Stub’n ist, das Well-Trio war vom kabarettgebildeten, spontanen und lustigen Feuchter Publikum höchst begeistert: “Well done” also - auf beiden Seiten.

ANGELICA MARIA KUNZE

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Zitat

Ganz besonders faszinieren die Wellküren mit ihrem vollendeten Dreisatz-Gesang, der so engelsgleich klingt, dass die bissigen Texte umso besser wirken. „So amüsiert sich jeder, so gut er eben kann“, singen sie – das Publikum auf der Wartburg hat sich sehr amüsiert.

(Freies Wort vom 27.10.2008)

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