Pressestimmen

Kötztinger Zeitung vom 25. September 2000

Emanzipation 2000: Hoamfahrn und d’ Manner schlagn

Die Wellküren in Kötzting - Begeistertes Publikum im restlos ausverkauften Saal

Drei Frauen auf offener Bühne - Quadrat-Ratsch oder endlich die ersehnte Revolution wider das jahrtausendelang praktizierte und unangefochtene Patriarchat? Von letzterem wußten Burgi, Vroni und Moni einiges zu singen. Missionierend opfern sie ihre Wochenenden und durchstreifen musizierend eine rabenschwarze Diaspora, das weißblaue Heimatland: in Frauen-Sachen.

Station machten die drei “Wellküren”, Schwestern des noch bekannteren Brüdertrios, der Biermösl Blosn, am Freitag in Kötzting - denn: Wien hat sie nicht verdient, in Hamburg wurden die guten Frauen einfach nicht verstanden und die Landkreisstadt Cham erschien ihnen als gar zu kaffig für einen illustren Auftritt. Seit ihrem letzten Gastspiel beim Lindnerbräu anno 1995 hat sich einiges getan: eine neue Bundesregierung, ein Altkanzler, dem es die Sprache verschlagen hat, Bandmitglied Burgi wurde zur Frauenbeauftragten des 800-Seelen-Ortes Günzlhofen erkoren, und das Frauentrio hat ein neues Programm zusammengetragen. Einzig die Männer-Probleme, sprich die Probleme mit den Männern im Allgemeinen und den Ehemännern im Besonderen, scheinen nach wie vor dieselben geblieben zu sein.

So wurde denn in voyeuristisch-genüsslicher Manier hinter und vor der eigenen Haustür gekehrt und alles zur Sprache gebracht, was Frauen und Bayern (das Land wohlgemerkt, weniger seine männlichen Bewohner!) bewegt. Elegien übers Schnarchen wurden angestimmt, Protestsongs gegen Schönheitsoperationen, Hara-Fachsimpeleien durften dabei nicht fehlen, und selbst der Papst kam an den Pranger: Ein bunter Abend der ungenierten Lästereien und voller (Selbst-)Ironie.

Zwischen hochmotiviertem, kämpferischem Stammtisch-Feminismus und sarkastischer Resignation die Parolen, begleitet von gemütlicher Stubenmusi oder bisweilen auch Disco-Rhythm und Rap. Meisterinnen auf allen Saiten, seien es ihre Paradeinstrumente Harfe, Gitarre und Hackbrett oder die “exotischen” Nonnen-Geigen, beherrschen die Wellküren auch Tuba, Sax und Posaune und wissen in allen Varianten spielerisch mit (Volks-) Musik umzugehen. Ein Glücksfall fürs mundartliche Musikkabarett: das flott-freche Mundwerk aus drei Kehlen, große Gesten und Emanzipationskampf im Dirndl-Look, angedeutete interne Schwesternzwistigkeiten auf der Bühne - allein die Blicke könnten da schon morden - Brüller im Publikum sind quasi vorprogrammiert.

Das Kabinettstückchen der Wellküren ist sicherlich ihre Stubenmusi, unter der Parole “Gib der Kelly-Family keine Chance”. Die Melodie gaukelt eine heile Welt vor, die vorgesungenen Geschichten aber nehmen allesamt ein schauderliches Ende - für die beteiligten Männer, versteht sich!  Da bröckelt strophenweise die Fassade einer glücklichen bürgerlichen Ehe, und lange unterdrückte Negativgefühle wachsen sich aus zu Mordsgelüsten und sadistischen Perversionen ganz wie im Privatfernsehen nach elf.  Dick aufgetragen wird da, nicht an Effekten und Drastikl gespart. Genüsslich vollziehen zarte Frauenhände Hausschlachtungen und sezieren ihre Kellerleichen anschließend im Rampenlicht.

Viel Selbstironie steckt in den Frauenphantasien, die bisweilen hart an die Grenze zum Ssadomaso wuchern. Was bleibt aber dem Frauentrio auch anderes übrig? Der Burschenverein veranstaltet Gegendemos gegen die von der Frauenbeauftragten eingeforderten Frauenparkplätze vor der Kirche, der Gatte fordert eine Ehefrau mit Silikon vor der Hüttn und verweigert stur und hartnäckig den chirurgischen Eingriff in die Nase. Das Grundrecht auf Frauen-Frühschoppen bleibt ohne die gesetzliche Verankerung immer noch angezweifelt und das allfrühjährliche Geranien-Wettrüsten macht auf die Dauer auch kein erfülltes Leben aus. Und Bayern? Renate ist nachfolgerinnenlos ausgeschieden und Angie hat südlich des Mains wenig Aussicht auf Erfolg, da laut Guido Westerwelle - ein zugeheirateter Spross der weitverzweigten Well-Family? - hierzulande nicht der Mix aus Lederhosen und Laptop die Politik bestimmt, sondern eine Art Frauenphobie. So werden Stricknadeln und Wischmopp auch im neuen Jahrtausend die Determinanten der bayerisch konservativen Familienpolitik bleiben?

Aber Vorsicht: Krieg steht zwar bisweilen auf ihren Fahnen geschrieben, doch die Well-Schlangen haben sich längst in Fundis und Realos gespalten. Um einem dauerhaft schiefhängenden Haussegen zu vermeiden, braucht es subtilere Methoden, dem Alltag Freuden und Freiräume abzutrotzen: im Schumi-Fanclub oder im Verein der Sankt-Josefs-Verehrerinnen organisiert sich Frau erfinderisch.

Was bleibt noch zu berichten vom Freitagabend in der Kötztinger Jahnhalle: Ausverkaufter Saal, auch die Männer im Publikum restlos begeistert. Und schließlich stahlen noch zwei wendige Kötztiger Quoten-Männer den Well-Schwestern beim Bauchtanzen kurzzeitig die Schau. Weiteres empfohlenes Abendprogramm: Hoamfahrn und d´Manner schlagn!

CHRISTINE ECKL

Nächste Pressestimme: Grundböse Gstanzln
Vorige Pressestimme: Weibliche Musketiere

Artikelübersicht

Zitat

Sie sind mit den Jahren immer besser und bissiger geworden, gscherter in ihren Texten, freier im komödiantischen Spiel. Musikalisch bleiben sie eh unüberbietbar zwischen Harfe und Hackbrett.

(tz vom 2. Februar 2007)

Alle Pressezitate