Rhön- und Saalepost vom Dezember 2003
Die Kampfansage an den Musikantenstadel
Bad Neustadt • Zwischen Stubenmusik und Stoiber, zwischen den Josefsverehrerinnen und dem Frauenbund von Günzlhofen, da sind sie zu Hause. Burgi, Vroni und Moni Well, oder besser: Die Wellküren.
Mal wieder haben sich die Drei in den Norden Bayems verirrt, auf Einladung der Kulturwerkstatt in den Bildhäuser Hof. Seit vielen Jahren gelten sie als der Inbegriff des weiblich-bayerischen Kabaretts, als die kongenialen Schwestern der Biermösl Blosn aus dieser 17-köpfigen Musikantenfamilie aus Günzlhofen. Dreimal Frauenpower gepaart mit den zarten Saitenklängen des Hackbretts, der Gitarre und einer Harfe, dreimal einfühlsam hingebungsvoller Gesang bis dann urplötzlich die Peitsche knallt.
Die Wellküren präsentieren ein thematisiertes Sammelsurium aus Versatzstücken des Ehe- und des Dorflebens bis hin zur großen Weltpolitik. Halt all das, was Frauen so beim Kaffeekränzchen interessiert. Doch gerade solche Klischees zerfetzen die Wellküren ein ums andere Mal in ihrem neuen Programm.
“Jessas”, wem liegt nicht dieses Wort auf den Lippen, wenn er sich mal wieder vor Lachen biegt. Die Arme in die Hüften gestemmt wirken die Drei so brav wie sie es überhaupt nicht sind. Erst in Alltagsklamotten, dann im Dirndl, Vroni, Burgi und Moni spielen und plappern sich durchs Programm, das es eine wahre Freude ist. Noch nicht mal Stubenmusik wird da zum Langweiler, obwohl es nach Burgis Meinung die beste Verhütungsmethode ist.
Exzellent spielen die Drei ihr Instrument, garnieren die Texte mit derart haarsträubender Thematik - aus Sicht der Fundamentalstubnmusiker - dass kein Auge trocken bleibt. Als Kampfansage gegen den Musikantenstadl wollen sie dies verstanden wissen, eine Mixtur aus Kabarett und traditionellem bayerischen Brauchtum, wobei Letzteres immer wieder gekonnt persifliert wird.
Da kramen sie eine archaische Nonnentrompete aus ihrem Fundus und was spielen sie: Ein Seemannslied. Die Wellküren machen es immer anders als man denkt, aber sie machen es immer gut. Beckenbauers Weihnachtsfeierei kommt immer wieder auf den Tisch, auch Oliver Kahn und George W. Bush. Die Pointen sind mitnichten frei von schlüpfrigen Anspielungen ohne allerdings derb zu sein. Fein verpackt und mit einem Lächeln versehen teilen die Wellküren aus. Holen sich zwei gestandene Mannsbilder aus dem Publikum, lassen sie Schuhplatteln, was der eine von beiden zur Überraschung richtig gut kann, lassen sie Bauchtanzen und das alles bis zur Erschöpfung. Vielleicht schaffen sie es ja doch mal zum Grand Prix d’Eurovision de la irgendwas. Die Wellküren erreichen und treffen ihr Ziel. Immer.
STEFAN KRITZER
